Wenn die Strukturen nicht in Ihrer Hand liegen
Es gibt eine bestimmte Situation, in der gut gemeinte Führungsratgeber an ihre Grenze stoßen. Sie sitzen in einer mittleren Führungsposition. Über Ihnen läuft etwas, das Sie als zunehmend belastend wahrnehmen. Vielleicht eine Geschäftsleitung, die widersprüchliche Ansagen macht. Vielleicht eine Unternehmenskultur, in der Erreichbarkeit am Wochenende erwartet wird. Vielleicht ein Vorgesetzter, der durch Mikromanagement und Kritik führt. Sie sehen, was das mit Ihrem Team macht. Und Sie wissen: Die Strukturen, die das verursachen, werden Sie nicht ändern können. Jedenfalls nicht in absehbarer Zeit und nicht aus eigener Kraft.
Im vorhergehenden Artikel ging es darum, wie Führung die Selbstregulation eines Teams fördert, statt es zu schützen. Das ist die richtige Antwort, wenn die Bedingungen halbwegs tragen. Aber was tun Sie, wenn die Bedingungen nicht tragen und Sie sie nicht in den Griff bekommen? Wenn Ihre Aufgabe weniger im Öffnen von Wachstumsräumen liegt und mehr darin, Ihr Team durch eine schwierige Zeit zu bringen, ohne dass es kaputtgeht? Dieser Artikel beschreibt das Werkzeug für genau diese Lage. Das Team schützen unter widrigen Bedingungen ist eine eigene Führungskompetenz, die in der Forschung als Buffering Leadership beschrieben wird. Sie verlangt etwas anderes als pauschalen Schutz, und sie hat klare Grenzen, die Sie kennen sollten.
Wo Förderung an Grenzen stößt
Die Förder-Logik aus dem Artikel zur Selbstregulation im Team setzt eine Grundsicherheit voraus, die in der Sache liegt. Ein Team kann nur dann üben, mit Belastung umzugehen, wenn die Belastung dosiert und sinnvoll ist. Wer einem Team beibringen will, mit normalen Konflikten umzugehen, kann das tun. Wer einem Team beibringen will, mit dauerhaft widersprüchlichen Ansagen, mit grundloser Kritik von oben oder mit einer Kultur der Angst umzugehen, lehrt etwas anderes. Er lehrt das Aushalten von Unaushaltbarem, und das ist keine Resilienz, sondern eine Form von Selbstaufgabe.
Es gibt also Situationen, in denen die Belastung das Team strukturell überfordert, weil sie zu hoch ist, zu unklar ist oder den Charakter eines Übergriffs hat. In diesen Situationen ist Schutz tatsächlich die richtige Antwort. Aber nicht der pauschale Schutzreflex, den die populäre Führungsrhetorik propagiert. Sondern eine gezielte, dosierte, fachlich saubere Form von Schutz, die zwei Dinge gleichzeitig leistet: das Team durchbringen und die eigene Handlungsfähigkeit erhalten.
Die mittlere Position als Übersetzungsstelle
In der Organisationspsychologie gibt es für die Stellung der mittleren Führungskraft einen klassischen Begriff. Rensis Likert hat in den 1960er Jahren die Idee der sogenannten Linking Pins entwickelt. Eine Linking Pin ist eine Person, die strukturell zwischen zwei Ebenen sitzt und beide miteinander verbindet. Die mittlere Führungskraft gehört zum eigenen Team und gleichzeitig zur Ebene darüber. Sie übersetzt nach unten und nach oben. Sie ist Empfängerin von Entscheidungen und zugleich aktive Vermittlerin.
Diese Position hat Konsequenzen, die heute besser erforscht sind als zu Likerts Zeit. Eine Arbeit von Anneloes Raes, Mariëlle Heijltjes und Kollegen in der Fachzeitschrift Academy of Management Review beschreibt die Schnittstelle zwischen oberer und mittlerer Führung als einen Prozess, in dem mittlere Führungskräfte das, was von oben kommt, interpretieren, übersetzen, dosieren und zum Teil auch zurückhalten. Das ist keine Aufmüpfigkeit. Es ist eine notwendige Funktion. Würden mittlere Führungskräfte alles ungefiltert nach unten geben, würden Organisationen an dieser Stelle zusammenbrechen.
Das gilt erst recht in toxischen Konstellationen. Eine viel beachtete Übersichtsarbeit von Bennett Tepper und Kollegen im Annual Review of Organizational Psychology and Organizational Behavior fasst zusammen, was die Forschung zu abusiver Führung weiß. Die Folgen sind erheblich: höhere Fluktuation, niedrigere Arbeits- und Lebenszufriedenheit, schwächere Bindung an die Organisation, mehr psychische Belastung. Bemerkenswert ist, dass diese Effekte durch bestimmte Faktoren abgemildert werden können. Soziale Unterstützung durch andere Personen, die Möglichkeit, das Erlebte einzuordnen, und ein gewisser Grad an Kontrolle über das eigene Handeln wirken puffernd. Hier kommt die mittlere Führungskraft als entscheidende Größe ins Spiel. Sie ist häufig die Person, die diesen Puffer für ihr Team praktisch herstellt.
Wer mehr darüber wissen will, was diese mittlere Position strukturell ausmacht, findet im Artikel zur Sandwichposition eine Vertiefung. Dieser Artikel hier baut darauf auf und fragt nach dem konkreten Werkzeug.
Das affektive Lesen des Teams
Bevor Sie schützen oder eingreifen können, müssen Sie wahrnehmen, was im Team gerade vor sich geht. Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. In Phasen hoher eigener Belastung verengt sich die Wahrnehmung, und gerade die Signale, die Aufmerksamkeit verdient hätten, sind oft die leisen.
Lernen Sie, auf bestimmte Veränderungen zu achten. Eine zunehmende Stille in Meetings, in denen früher diskutiert wurde, ist ein Signal. Wenn die offene Frage am Ende eines Meetings, ob noch etwas zu besprechen sei, regelmäßig mit Schweigen beantwortet wird, hat das nicht mehr mit höflicher Zurückhaltung zu tun. Ein zweites Signal sind vermehrte Krankmeldungen, gerade kurzfristige, die sich in einem Team häufen. Drittens lohnt ein Blick auf den Ton: Wenn Sarkasmus oder Zynismus zunimmt, gerade an Stellen, wo früher Einsatz war, ist das eine Form von Selbstschutz, die das Team gefunden hat. Viertens der Rückzug aus dem informellen Kontakt: Wenn die kleinen Gespräche in der Küche oder vor Meetings ausbleiben, ist die Atmosphäre auf eine andere Frequenz gewechselt.
Diese Wahrnehmung ist trainierbar. Sie wächst durch die Bereitschaft, regelmäßig hinzuschauen und sich nicht von der eigenen Belastung blind machen zu lassen. Sie wächst auch durch das Gespräch mit Einzelnen, das eher informellen Charakter haben darf. Manchmal genügt eine Minute auf dem Flur und die Frage, wie es gerade läuft, um eine Lage zu erfassen, die in Meetings unsichtbar bleibt.
Mikro-Interventionen: Wie Sie Ihr Team konkret schützen können
Wenn Sie das Team gelesen haben und wissen, dass es Schutz braucht, stellt sich die praktische Frage: Was können Sie tun, ohne die Strukturen über sich verändern zu können? Es gibt vier Werkzeuge, die niedrigschwellig sind und trotzdem wirken.
Das erste Werkzeug ist Übersetzung statt Durchreichen. Wenn von oben eine Ansage kommt, die widersprüchlich, unklar oder verletzend formuliert ist, geben Sie sie nicht in dieser Form an Ihr Team weiter. Sie nehmen sich Zeit, das Wesentliche herauszuziehen, in eine handhabbare Form zu bringen und mit einer Einordnung zu versehen. Das ist keine Verfälschung. Es ist Ihre eigentliche Aufgabe als Linking Pin. Sie geben weiter, was tatsächlich relevant ist, und sortieren das aus, was nur die emotionale Verfasstheit des Senders transportiert.
Das zweite Werkzeug ist Filterung. Nicht alles, was oben passiert, muss unten ankommen. Wenn die Geschäftsleitung in einer Krisensitzung Panik verbreitet, ist es nicht Ihre Aufgabe, diese Panik im Team zu replizieren. Es ist Ihre Aufgabe, das, was an Information für die Arbeit Ihres Teams wirklich nötig ist, zu identifizieren und weiterzugeben. Den Rest absorbieren Sie. Wichtig: Filterung heißt nicht Vertuschung. Wenn das Team etwas wissen muss, weil es Konsequenzen für seine Arbeit oder seine Sicherheit hat, kommunizieren Sie es. Aber Sie ersparen dem Team die Atmosphäre und den Stil, in dem es nach unten weitergegeben würde.
Das dritte Werkzeug ist die einfachste Mikro-Intervention überhaupt: das Benennen. Wenn Sie in einer Sitzung spüren, dass die Anspannung im Raum steht, dann sprechen Sie sie aus. Ein Satz wie das ist gerade viel oder ich merke, dass uns die letzten Wochen geschafft haben verändert die Atmosphäre messbar. Erin Richard hat in einer Arbeit in der Fachzeitschrift Advances in Developing Human Resources das Konzept der durch die Führungskraft erleichterten Emotionsregulation beschrieben. Eine ihrer zentralen Erkenntnisse: Das bloße Benennen einer geteilten emotionalen Lage durch die Führungskraft entlastet das Team, weil es signalisiert, dass die Wahrnehmung legitim ist und niemand sich verstellen muss. Das kostet zwei Sekunden und kann eine Stunde aufgeladene Diskussion umkehren.
Das vierte Werkzeug ist Verlangsamung. Wenn die Geschwindigkeit von oben das Team erschöpft, sind Sie diejenige Person, die in den Räumen, die Sie kontrollieren, andere Geschwindigkeiten erlaubt. Pausen in Meetings einbauen, statt einen Punkt nach dem anderen abzuhaken. Klare Endzeiten verteidigen. Zeitfenster für vertiefende Diskussion freihalten, statt alles in fünfzehn Minuten zu pressen. Diese kleinen Strukturentscheidungen entlasten das Team mehr, als die meisten Führungskräfte annehmen, weil sie ein Stück Eigenrhythmus zurückgeben.
Eine Anmerkung zu allen vier Werkzeugen: Sie wirken nur, wenn die Führungskraft selbst halbwegs reguliert ist. Wer das Misstrauen von oben einfach nach unten weitergibt, hat den Filter nicht aktiviert. Wie sich solche Dynamiken zwischen den Ebenen verschränken und verselbstständigen können, beschreibt der Artikel zum Misstrauen in der Führung.
Die Grenze des Möglichen anerkennen
So wichtig diese Werkzeuge sind, sie haben Grenzen, und es gehört zur ehrlichen Auseinandersetzung mit diesem Thema, sie zu benennen. Eine mittlere Führungskraft kann nicht unbegrenzt puffern. Wenn die Belastung von oben so stark wird, dass die eigenen Kräfte ständig zur Filterung gebraucht werden, geht das auf Dauer nicht gut.
Es gibt drei Anzeichen, an denen Sie merken, dass die Pufferarbeit Sie selbst aufzehrt. Erstens das Gefühl, ständig zwischen den Welten dolmetschen zu müssen, ohne dass es sich verändert. Zweitens das Erleben, dass Ihre eigene Erschöpfung wächst, während Sie nach außen weiter funktionieren. Drittens die Beobachtung, dass Sie nach Feierabend nicht mehr abschalten können, weil die Filterarbeit auch in den Abend hineinläuft. Diese Anzeichen sind ernst zu nehmen, weil sie auf eine Konstellation hindeuten, die nicht durch mehr Anstrengung lösbar ist.
In solchen Phasen ist es wichtig, sich selbst nicht aus dem Blick zu verlieren. Wer das Team trägt, ohne dass es jemanden gibt, der ihn selbst trägt, brennt aus. Das ist ein persönliches Risiko und zugleich eines für das Team, weil die ausgebrannte Führungskraft irgendwann ausfällt und das Team dann ungeschützt dasteht. Hilfe zu suchen ist hier keine Schwäche. Es ist Verantwortung. Der Artikel zu Wenn Führungskräfte selbst Hilfe brauchen geht auf die typische Hürde ein, sich selbst diese Hilfe zu erlauben.
Manchmal kommt der Punkt, an dem die ehrlichste Antwort lautet: Diese Konstellation ist nicht zu retten. Wenn die Strukturen über Ihnen toxisch sind und keinerlei Veränderung erkennbar ist, wenn Ihre Pufferarbeit auf Dauer nichts mehr ausrichtet und Sie selbst dabei verschleißen, dann kann der bewusste Schritt nach außen die einzig saubere Antwort sein. Das kann der Wechsel der Position innerhalb des Unternehmens sein, der Wechsel des Unternehmens, oder die Entscheidung, nicht mehr für eine Struktur einzustehen, die Menschen schadet. Solche Entscheidungen sind kein Scheitern. Sie sind die letzte Form von Verantwortung. Sie davor zu sehen, ohne sie zu treffen, hilft niemandem, am wenigsten Ihrem Team.
Ein externer Blick kann in diesen Phasen entscheidend sein. Wer mitten in einer schwierigen Konstellation steckt, sieht oft nicht mehr, was möglich ist und was nicht. Eine Supervision kann diesen Abstand wiederherstellen und die Frage nach Bleiben, Verändern oder Gehen sortieren. Wie Supervision Konflikte und festgefahrene Lagen klärt, ist ein eigenes Format, das gerade in solchen Übergangssituationen entlastet.
Fazit: Das Team schützen, wenn nichts anderes hilft, ist eine eigene Kompetenz
Wenn die Strukturen nicht in Ihrer Hand liegen, wird Schützen wieder zur richtigen Antwort. Aber es ist ein anderer Schutz als der pauschale Schutzreflex, den die populäre Führungsrhetorik propagiert. Es ist die Arbeit einer Linking Pin, die zwischen den Ebenen vermittelt, die übersetzt, filtert, benennt und verlangsamt. Es ist die wahrnehmungsfähige Begleitung eines Teams durch eine Zeit, die niemand sich gewünscht hat. Und es ist die ehrliche Selbsteinschätzung dessen, was geht und was nicht mehr geht.
Wer in dieser Position arbeitet, leistet etwas, das in Organisationen selten gewürdigt wird, weil es unsichtbar funktioniert, solange es funktioniert. Sichtbar wird die Arbeit erst, wenn sie nicht mehr getan wird. Sich selbst diese Anerkennung zu geben, gehört zur eigenen Selbstführung in einer solchen Lage. Schutz unter widrigen Bedingungen ist eine eigene Kompetenz. Sie hat ihren Wert, und sie hat ihre Grenze.
Sie stehen in einer Position, in der Sie Ihr Team gegen Belastungen von oben schützen müssen, ohne die Strukturen selbst ändern zu können?
In der Supervision und der Begleitung von Führungskräften schaffe ich einen Raum, in dem Sie Ihre Lage sortieren, die richtige Dosis zwischen Puffern und Selbstschutz finden und tragfähige Entscheidungen treffen können. Damit Sie nicht erst dann nach außen schauen, wenn die eigenen Kräfte nicht mehr reichen.
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Weiterführende Artikel
- Selbstregulation im Team fördern
- Führen in der Sandwichposition
- Wenn Führungskräfte selbst Hilfe brauchen
Quellen
- Tepper, B. J., Simon, L. & Park, H. M. (2017). Abusive supervision. Annual Review of Organizational Psychology and Organizational Behavior, 4, 123–152. https://doi.org/10.1146/annurev-orgpsych-041015-062539
- Richard, E. M. (2020). Developing employee resilience: The role of leader-facilitated emotion management. Advances in Developing Human Resources, 22(4), 387–403. https://doi.org/10.1177/1523422320949143
- Raes, A. M. L., Heijltjes, M. G., Glunk, U. & Roe, R. A. (2011). The interface of the top management team and middle managers: A process model. Academy of Management Review, 36(1), 102–126. https://doi.org/10.5465/amr.2009.0088